Warum die Soziale Arbeit im Osten an ihrer eigenen Geschichte scheitert – und was das über den Sozialstaat verrät

Drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung scheint Jugendarbeit in Ost und West längst gleichgestellt. Strukturen, Gesetze, Förderlogiken – alles da. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Die Unterschiede liegen nicht in der Ausstattung, sondern im Ursprung. Und vielleicht auch in der Haltung, mit der wir heute Soziale Arbeit denken.

Installierte Systeme – keine gewachsenen Strukturen

Während die westdeutsche Jugendarbeit über Jahrzehnte gewachsen ist – aus Bürgerbewegungen, Hausbesetzungen, selbstorganisierten Jugendzentrumsinitiativen, jahrzehtelanger freier und politisch aktiver Jugendverbandsarbeit – und nicht zu vergessen den Subkulturen wurde im Osten nach der Wende ein komplettes System installiert, ohne dass es eine gesellschaftliche Basis dafür gab.

In der DDR gab es durchaus selbstorganisierte Strukturen, meist in kirchlichen Räumen, in Subkulturen, in Nischen, in denen Jugendkultur trotz Kontrolle entstehen konnte – Punks, Blueser, kritische Kreise. Aber sie waren klein, oft kriminalisiert, bestenfalls geduldet. Zu wenig, um ein kollektives Erfahrungswissen emanzipatorischer Jugendarbeit zu prägen. Viele von ihnen haben Ostdeutschland dann auch verlassen.

Ein System, das auf Beteiligung und Eigensinn baut, traf nach 1990 auf Menschen, die jahrzehntelang auf Anpassung und Planbarkeit konditioniert waren. Damit fehlte der kulturelle Unterbau, aus dem sich Professionalität und Haltung entwickeln.

Und so blieben viele Strukturen formal modern, aber innerlich leer. Das erklärt, warum trotz stabiler Ausstattung die Praxis so oft im Verwaltungsmodus verharrt – und heute, durch Haushaltssperren und Einschränkungen bei Förderprogrammen, erneut in Gefahr ist. Zuerst im Osten, wahrscheinlich bald auch im Westen.

Erziehung als Disziplin – und ihr langes Nachleben

Im Forschungsprojekt „Von staatlich organisiert zu staatlich finanziert“, das ich mit Studierenden des Bachelorstudiengangs Sozialer Arbeit an der HTWK Leipzig von Wintersemester 2024/2025 bis Sommersemester 2025 durchführte, haben wir ehemalige Fachkräfte und Betroffene des DDR-Hilfesystems befragt. Ihre Erzählungen waren widersprüchlich, bewegend, manchmal schmerzhaft.

Da war die Rede von Heimen mit Strafduschen, Punktesystemen, Schrankkontrollen (wovon es auch einiges noch heute in Jugendhilfeeinrichtungen gibt), aber auch von Sicherheit, Gemeinschaft und Struktur. Erziehung bedeutete Kontrolle – aber sie gab auch Orientierung. Das System funktionierte, weil es alles organisierte – selbst das Leben. Die Erziehung der DDR zielte auf gute Sozialist*innen und nicht auf selbst- und eigenständige Jugendliche. Kinder wurden aus Familien genommen wenn die sozialistische Erziehung in Gefahr war und nicht wenn eine Kindeswohlgefährdung in politisch passenden Familien drohte.

Mit der Wende kam der radikale Bruch. Aus staatlich organisiert wurde staatlich finanziert – aber der Haltungswechsel blieb aus. Die Strukturen blieben hierarchisch, die Kontrolle verwandelte sich in Förderlogik, die Abhängigkeit in Antragssystematik. Nur wer das Vokabular der Verwaltung, der Ministerien und künstlich geschaffener Förderstrukturen spricht, bekommt Gehör und schlussendlich Geld.

In der DDR musste man systemtreu sein, heute muss man förderfähig sein. Das Prinzip ist erstaunlich ähnlich. Wo das mit einer immer stärker werdenden AfD und einer sich angleichenden CDU hinführt brauche ich denke ich nicht weiter ausführen.

Wenn Soziale Arbeit sich selbst ersetzt

In meinem Text „Wie Soziale Arbeit sich selbst ersetzbar macht“ habe ich beschrieben, wie die Profession in den letzten Jahrzehnten ihr eigenes kritisches Potenzial verloren hat. Statt gesellschaftliche Zustände zu hinterfragen, hat sie begonnen, sich in den Dienst ihrer Auftraggeber zu stellen – von der Kommune über das Jugendamt bis zum Ministerium.

Das ist das eigentliche Missverständnis des sogenannten Dienstleistungsverständnisses: Nicht, dass Soziale Arbeit leistet, ist das Problem – sondern wem sie dient. Sie ist keine Dienstleistung für den Staat, sondern für die Gesellschaft. Keine verlängerte Behörde, sondern eine Instanz sozialer Selbstermächtigung.

Wenn Soziale Arbeit sich selbst als Dienstleistung versteht, wird sie messbar, kontrollierbar, ersetzbar. Sie verliert ihre Eigensinnigkeit, ihren politischen Charakter, ihre Fähigkeit, Unordnung auszuhalten. Und das ist fatal, gerade in einem Land, das schon mehr als einmal versucht hat, Menschen und Gesellschaft in eine definierte “Ordnung” zu bringen.

Von der Erziehung zur Beziehung

In unseren Gesprächen mit Fachkräften aus Ostdeutschland spürten wir, wie tief die alte Sozialisation wirkt. Das Bedürfnis nach Sicherheit, nach Struktur, nach Kontrolle – es ist biografisch gewachsen, systemisch vererbt. Doch Jugendarbeit lebt vom Gegenteil: von Vertrauen, Aushalten, Widerspruch, Rebellion, Freiheit.

Viele Fachkräfte sagten uns: „Wir brauchen klare Regeln.“ Ich glaube: Wir brauchen hier erstmal wieder klare Beziehungen. Struktur ist kein Ersatz für Haltung. Haltung entsteht dort, wo wir Verantwortung teilen – mit Jugendlichen und nicht über sie bestimmen.

Und genau das fehlt oft im Osten: nicht, weil Menschen nicht wollen, sondern weil sie nie gelernt haben, dass man Kontrolle loslassen kann, ohne Chaos zu ernten.

Eine Transformation ohne Transformationsprozess

Die Wende war kein Übergang, sondern eine Transformation ohne dazugehörigen Transformationsprozess. Ein komplettes System verschwand über Nacht – und ein neues wurde aufgesetzt, ohne Diskurs, ohne Aufarbeitung, ohne die Chance, eine eigene Fachidentität zu entwickeln. So entstanden importierte Strukturen mit unreflektierten Haltungen, wie der miss verstandene akzeptierte Ansatz in den 1990er Jahren.

Das Ergebnis ist bis heute sichtbar:
• eine Jugendhilfe, die professionell wirkt, aber selten politisch ist.
• eine Soziale Arbeit, die funktionieren will, aber selten verändert.
• eine Jugendarbeit, die sich rechtfertigt, statt zu gestalten – was einer der Gründe ist, warum ich Jugendarbeit nicht als Teil der Sozialen Arbeit, sondern als eigenständige Profession verstehe.

Doch genau hier liegt auch die Chance: Wenn wir verstehen, dass unsere Strukturen nicht gewachsen, sondern installiert wurden, können wir sie auch verändern. Wenn wir begreifen, dass wir nicht neutral, sondern historisch geprägt sind, können wir Haltung neu entwickeln.

Ich fürchte mich nicht vor dem Rückbau des Systems – denn dieser Rückbau ist real und selbst mitverschuldet durch uns. Ich glaube aber an die Überwindung des Systems.

An eine Soziale Arbeit, die wieder politisch wird, weil sie weiß, woher sie kommt.

An eine Jugendarbeit, die Vertrauen und Emanzipation praktiziert, auch wenn sie nicht weiß, ob es sich lohnt.

An eine Gesellschaft, die Kontrolle loslässt, um Verantwortungsübernahme zu ermöglichen.

Vielleicht liegt genau darin die Zukunft:
Nicht mehr staatlich organisiert. Nicht mehr nur staatlich finanziert.
Sondern gesellschaftlich getragen.

Another world is possible…!!!

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