16.04.2022 – Grimma, Schwanenteichpark

Redebeitrag zur Gedenkveranstaltung des 77. Jahrestages der Befreiung von Grimma, durch die Amerikaner, von den Nationalsozialist*innen und ihrem Faschistischen System.

Heutzutage wird man mit einer antifaschistischen Haltung angegriffen, als wildgewordener Linksextremist oder gar als wahrer Faschist bezeichnet. Dabei ist eine antifaschistische Grundhaltung notwendig um überhaupt demokratisch zu sein. Um diese Erzählungen zu durchbrechen und um daran erinnern zu können müssen wir wissen wogegen man ist, also was überhaupt Faschismus ist und was ein faschistisches System kennzeichnet. Denn, dass wir für eine offene Gesellschaft sind sollte indiskutabel sein. Faschist*innen sind aber eben nicht für diese Gesellschaft und deshalb ist es wichtig zu wissen woran man Faschismus erkennt. Er kann uns begegnen als Nationalsozialismus, als Kommunismus, Stalinismus, Diktatur oder auch als Religion, als was er uns jedoch nie begegnen wird ist als Demokratie oder auch als Anarchismus. Deshalb ist ein*e Demokrat*in auch automatisch ein*e Antifaschist*in.

Umberto Eco beschrieb den Ur – Faschismus anhand der folgenden Merkmale, die eine Interpretation mit Vorgängen hier in Grimma und in der Weltpolitik zulassen:

  1. Kult der Überlieferung – dies bedeutet eine Feindlichkeit gegenüber Rationalismus, Logik und besonders gegenüber der Wissenschaft. Es wird von EINER Ur – Wahrheit gesprochen die es gibt und dies steht einem wissenschaftlichen Denken im Sinne von These und Antithese grundhaft entgegen. Weiterhin zeigt sich dieser Kult im Okkultismus und in Verschwörungserzählungen, wie z.B. die von einer jüdischen Weltverschwörung rund um die Protokolle der Weisen von Zion.
  2. Traditionalismus – in ihm steckt eine grundhafte Ablehnung des Modernen, welche sich vereinfacht in einer oberflächlichen Ablehnung der kapitalistischen Lebensweise versteckt, die jedoch ohne ein tatsächliches Verständnis von Kapitalismus daher kommt. Diese Ablehnung des Modernen steht in einem harten Widerspruch zu den Idealen der Aufklärung (Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit) und zu dem Vernunftbegabtem Menschen.
  3. Irrationalismus – bedeutet einen Kult der Aktion aufrecht zu erhalten und diese Aktionen ohne inhaltliche Auseinandersetzung durchzuführen. Ein gutes Beispiel sind hier die seit 2 Jahren stattfindenden Montagsspaziergänge. Dieser Irrationalismus wendet sich gegen Wissen im allgemeinen und im besonderen gegen intellektuelle Menschen. Faschistische Intellektuelle sind vielmehr damit beschäftigt der liberalen Welt vorzuwerfen, dass diese die „Alten“ Werte verraten haben.
  4. Ein besonders eindrückliches Merkmal des Faschismus ist hingegen eine fehlende Kritikfähigkeit oder auch besser eine fehlende Fähigkeit sich selbst als Mensch kritisch zu reflektieren. Deshalb kann man auch sagen das Faschismus eher ein Glauben und keine Meinung ist, was eine Debatte mit Faschist*innen nahezu unmöglich macht.
  5. Diese Diskussion und der Dissens ist jedoch ein Zeichen von Vielfalt und vor allem wird durch Dissens Vielfalt akzeptiert. Faschismus sucht Konsens und schafft Angst vor Andersartigkeit und schürt diese, wie es Strömungen in Deutschland besonders stark 2015 gemacht haben.
  6. Er entspringt aus gesellschaftlicher Frustration, aus ökonomischen Krisen und er zeigt sich durch politische Demütigungen wie es eine #fckafd oder die Freien Sachsen seit vielen Jahren immer wieder neu versuchen, ein „die da oben“ ist fruchtbarer Boden für einen entstehenden Faschismus.
  7. Durch die Vielfalt einer offenen Gesellschaft fühlen sich viele ihrer Identität beraubt und der Faschismus baut über ein angebliches Privileg der Geburt im gleichen Land eine neue Identität auf, welche sich im Nationalismus zeigt. Diese Identität kann nur durch die „Feinde“ existieren, also Menschen die für eine offene und liberale Gesellschaft einstehen oder durch Menschen die eben nicht dieses Geburtsprivileg besitzen. Hier entstehen wiederum neue Verschwöhrungserzählung von angeblichen Feinden dieser nationalen Identität.
  8. Aus denen eine ständige Demütigung abgeleitet wird, welche sich aber ständig wandelt und immer neue Feindbilder entstehen um die eigene nationale Identität zu stärken.
  9. Faschismus bedeutet „Leben für den Kampf“ – dies steht im Widerspruch zum Pazifismus und zur Ablehnung von Kriegen. Für Faschist*innen ist Pazifismus eine Kollaboration mit dem Feind. Denn es wird auf einen Endkampf bzw. eine Endlösung hin gearbeitet, welche es irgendwann gibt. Jedoch bietet Faschismus keinerlei Idee oder Utopie was ist wenn dieser Endkampf stattgefunden hat und Frieden herrscht, er braucht also den Kampf.
  10. Dadurch werden im Faschismus alle zu Helden und Freiheitskämpfern, denn dies ist das Wesen und der Mythos hinter dem Faschismus.
  11. Es entsteht ein völkisches Elitedenken welches schwache Menschen verachtet und seine Stärke aus der Abwertung und Diskriminierung von anderen zieht und grundhaft auf diesen Abwertungen basiert, denn nur so kann die völkische Elite stark sein.
  12. Das ganze gipfelt dann im Machismo – eine Abwertung und Verachtung gegenüber Frauen, einer Ablehnung anderer Geschlechter, einer Abwehr des Gendergaps und im besonderen durch eine Verurteilung von unterschiedlichsten Sexualitäten, wie z.B. der Homosexualität. Dieser Machismo zeigt sich häufig darin das der urfaschistische Held seine Sexualität mit Waffen als Phallusersatz überspielt und darüber Männlichkeit stilisiert wird.
  13. Im Faschismus haben Individuen keine Rechte und deshalb spielt der Faschismus mit Populismus der ein fiktives Volk konstruiert, bei dem alle Macht liegt und welches eine angeblich mehrheitliche Stimme hat. Diese Stimme des Volkes beruht ausschließlich auf Interpretation da es keinerlei demokratische Strukturen gibt in denen ALLE Menschen eingebunden sind und es richtet sich immer gegen die Parlamente. Wenn man also den Ausspruch „Stimme des Volkes“ oder „Wir sind das Volk“ hört müssen wir vorsichtig sein denn dieser Ausspruch deutet meist auf eine populistische Fiktion hin hinter der sich der Faschismus verbirgt.
  14. Diese Vereinfachung von Problemen und die Konstruktion von einer Volksidentität wird über Sprache gelöst und wir wissen alle das heute leider Begriffe die noch vor 10 Jahren unsagbar waren, weil sie untrennbar mit dem Faschismus in Deutschland verbunden waren plötzlich wieder gesagt werden können.

(vgl. Eco, Umberto 2020. Der ewige Faschismus; Carl Hanser Verlag; München. S. 30 ff)

Deshalb stehen wir heute hier, denn wir dürfen nicht vergessen was war und wir müssen daran erinnern und deshalb ist es wichtig sich als Antifaschist*in zu positionieren und die Merkmale des Faschismus zu erkennen. Faschismus kann über uns kommen in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen und es ist an uns ihn zu erkennen und ihn als das zu bezeichnen was er ist. Ein Menschenfeindliches und einer offenen Gesellschaft entgegenstehendes System.

ALERTA ANTIFASCISTA

… another world is possible!!!

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