Quelle: pudding.offical Instagram

Bevor ich zum eigentlichen Thema komme möchte ich auf einen Post zu dem Gebäude des Kinderheims in Gaudichsroda Bezug nehmen.

Als Sozialarbeiter, mit der Spezialisierung auf Jugend und damit auch auf Geschichte der Jugendhilfe in Deutschland, ist das Thema Jugendhilfe in der DDR ein sogenanntes heißes Eisen und ich möchte euch kurz erklären warum dies so ist.

Nachdem ich den Storypost bei Instagram gemacht hatte, haben sich tatsächlich Kinder oder Bekannte von damaligen, in Gaudichsroda untergebrachten, Kindern oder Jugendlichen gemeldet. Gleichzeitig wurden aber auch Mitarbeiter*innen oder im Umfeld des Heims Aktive Menschen getriggert und fühlten sich persönlich in ihrer damaligen Arbeit diskreditiert. Dies passierte weil ich geschrieben hatte: „…, ich hoffe das dort keine schlimmen Sachen passiert sind!“ Doch warum hatte und hab ich das geschrieben?

Jugendhilfe in der DDR

Die Grundlagen der Erziehung in der DDR zielten von ihrer gesetzlichen Verankerung nicht darauf ab individuelle Problemlagen und Bedürfnisse der Kinder- und Jugendlichen zu bearbeiten. Der Grundsatz der Jugendhilfe lautete wie folgt: „Jugendhilfe ist dann erforderlich, wenn im Zusammenhang mit der Kindererziehung in den unmittelbaren sozialen Beziehungen einzelner Menschen die Prinzipien sozialistischen Zusammenlebens nicht verwirklicht werden können. Jugendhilfe hat Störungen der sozialen Beziehungen zum Gegenstand, Abweichungen vom Idealbild der sozialistischen Menschengemeinschaft, und das vor allem auf den Familienbereich bezogen.“ (Friederike Wapler, Rechtsfragen in der Heimerziehung der DDR, Gutachten 2012) D.h. die Jugendhilfe in der DDR sollte den Zweck erfüllen Kinder- und Jugendliche dem sozialistischen Kollektiv wieder zur Verfügung zu stellen. Dies bedeutet nicht das es keine engagierten Mitarbeiter*innen in der Pädagogik und der Erziehung gab, welche versuchten den Kindern und Jugendlichen ein schönes und gutes Leben zu ermöglichen und auch in Westdeutschland sind in dieser Zeit (häufig im konfessionellen Zusammenhang) „schlimme“ Sachen in Jugendhilfeeinrichtungen passiert. Jedoch gab es in Westdeutschland ab ca. 1965 die Heimkampagne wo versucht wurde auf eben diese autoritäten Strukturen in Kinder- und Jugendheimen aufmerksam zu machen und mit alternativen pädagogischen Konzepten diesen Zuständen entgegen zu wirken. Derartiges gab es in Ostdeutschland nicht und damit lag das Wohl der Kinder wahrscheinlich in einem hohen Maße an den Mitarbeiter*innen in den Einrichtungen. Es kann also möglich sein das es grundhafte Unterschiede bei den Heimen gab, dies gilt es jedoch durch Forschung und zeitgeschichtliche Aufarbeitung heraus zu finden. Auf dem heutigen Gebiet von Grimma gab es insgesamt 3 Heime (Anmerkung: wahrscheinlich sogar 5 – 2 Böhlen und Leipnitz sind im Heimarchiv nicht gelistet), welche als Normalheime eingestuft wurden, wovon Gaudichsroda ein Sonderheim war und in Göttwitz und Seidewitz der Zusatz Kinderheim im Archiv vermerkt ist. Über all diese Heime ist sehr wenig bekannt und es gibt dazu in Grimma keine Auseinandersetzung oder gar eine Aufarbeitung. Dies gilt im übrigen für sehr viele Einrichtungen der Jugendhilfe in der DDR, denn wie von Geisterhand sind sehr viele Unterlagen dazu spurlos verschwunden oder wurden vernichtet. Völlig unabhängig von meiner Kandidatur als OBM empfinde ich es als notwendig hier einen Prozess in Gang zu setzen und mit ehemaligen Kindern, Jugendlichen und Mitarbeiter*innen eine zeitgeschichtliche und wissenschaftliche Aufarbeitung der ca. 40 Jahre Existenz dieser Heime anzustreben. Es gäbe auch keinen Entschädigungsfonds, für in Heimen der DDR untergebrachte Menschen, wenn dort alles unproblematisch gewesen wär. Wie schon beschrieben bedeutet dies nicht das es nicht auch engagierte Menschen und positive Beispiele gab, allerdings müssen wir bei der Jugendhilfe der DDR von einem grundhaften Unterschied der Zielstellung zur heutigen Jugendhilfe sprechen und diesem Unterschied gilt auch besondere Aufmerksamkeit, denn damit geht einher, dass wir Erziehung und Bildung in der DDR nicht mit der heutigen gleichsetzen können. Gerade wenn ich Beiträge lese wo sich Menschen Jugendwerkhöfe zurück wünschen oder sich auf eine bessere Erziehung von Kindern und Jugendlichen in der DDR berufen, muss dort entschieden widersprochen werden. Denn wie oben beschrieben ging es dabei von staatlicher Seite nicht um die Bearbeitung individueller Problem- und Bedürfnisslage sondern es ging darum Kinder- und Jugendliche so zu formen das sie dem sozialistischen Kollektiv zur Verfügung stehen können. Wo dies nicht klappte geht die Heimbiografie in der DDR dann eben bis zu den Jugendwerkhöfen oder gar dem geschlossenen Werkhof in Torgau.

Kurzum: wenn es Menschen gibt die diesen Artikel lesen und die Menschen kennen die in den drei Heimen untergebracht waren oder dort gearbeitet haben, würde ich mich über eine Kontaktvermittlung sehr freuen und dann schauen wir, was wir perspektivisch daraus entwickeln können. Für alle die mehr über die Jugendhilfe in der DDR erfahren wollen kann ich als Einstieg den Text der Bundeszentrale für politische Bildung „Geraubte Kindheit“ empfehlen, welcher in die Thematik einführt und einen guten Überblick dazu liefert. Ich finde es als Sozialarbeiter sehr befremdlich das sich mit diesem Teil der Geschichte bisher nicht auseinandergesetzt wurde und es nur sehr dürftige Informationen darüber gibt.

Jugend- und Sozialarbeit in Grimma

Tatsächlich ist es so, dass dieses Thema nur bedingt durch die Stadt Grimma beeinflusst werden kann, da die Verantwortung für Jugendhilfe und Jugendarbeit nach SGB VIII beim öffentlichen Träger, dem Jugendamt des Landkreises Leipzig liegt. Dennoch hat die Stadt Grimma bei all diesen Fragen ein Mitspracherecht und macht von diesem auch gebrauch. Wie z.B. im Fall der Offenen Kinder- und Jugendarbeit des Fördervereins für Jugendkultur und Zwischenmenschlichkeit e.V. auf dem Areal der Alten Spitzenfabrik in Grimma. Wo zum 31.12.2021 die Förderung durch das Jugendamt eingestellt wurde da die Stadt Grimma eine Offene Arbeit an diesem Standort nicht für erforderlich hält. Diese Aussage wurde vom Jugendamt als Entscheidungsgrundlage, ohne jedwede fachliche Argumentation, übernommen und in der erst kürzlich beschlossenen Fortschreibung des veralteten Teilfachplanes noch einmal niedergeschrieben.

Erarbeitung ein Sozialraumplanung

Die Stadt Grimma verfügt über kein Konzept für die Sozialarbeit und Jugendarbeit in dieser riesige Flächenkommune. Durch die vielen schlecht angebundenen Ortsteile sind die Leidtragenden von einem fehlenden Sozialraumkonzept im besonderen Kinder- und Jugendliche. Es ist tatsächlich nicht zwingend die Aufgabe einer Stadt, ohne die notwendigen Ämter (Sozialamt, Jugendamt) ein derartiges Konzept zu erarbeiten, allerdings sehe ich aufgrund der Fläche der Stadt eine zwingende Notwendigkeit ein solches Konzept zu erarbeiten und die Stadt könnte dies auch selbst initiieren. Ein derartiges Konzept geht weit über Kita Bedarfsplanung und Schulplanung hinaus, denn es nimmt die gesamte Sozialstruktur und Hilfelandschaft von Grimma in den Blick.

Schaffung einer Notunterkunft

Bestandteil einer solchen Planung muss es für Grimma auch sein eine durch Sozialarbeiter*innen betreute Notunkerunft für wohnungslose Menschen in Grimma aufzubauen. Häufig wird die Wohnungslosigkeit in Kleinstädten ignoriert und ihr wird mit polizeilichen Maßnahmen entgegen gewirkt. Dennoch ist dies auch ein Thema in Grimma und bisher gibt es keine Notunterkunft in welcher wohnungslose Menschen vor Übergriffen oder Kälte geschützt sind und es ein entsprechendes Sozialarbeiterisches Angebot gibt.

Aufbau von Mehrgenerationenwohnprojekten

Vereinsamung ist mittlerweile nicht nur für ältere Menschen ein Thema sondern es sind auch junge Menschen von dieser Thematik betroffen und besonders in eine ländlichen Kommune von der Größe Grimma’s brauch es Konzepte wie dem entgegen gewirkt werden kann. Ein Ansatz kann hier der Aufbau von Wohnprojekten in der Kernstadt oder den Ortsteilen von Mehrgenerationenhäusern sein. Oft wohnen viele ältere Menschen allein auf großen Grundstücken und sind oft nicht mehr in der Lage diese vollständig allein zu bewirtschaften. Verwandte leben zu weit weg um sie dabei zu unterstützen und in eine Altersgerechte Wohnung möchten sie auch nicht ziehen weil sie ihr bisheriges Leben auf eben diesen Grundstücken verbracht haben. Warum also nicht Konzepte entwickeln wo jüngere Menschen die ebenfalls keine Familie haben gemeinsam mit den älteren zusammenlaben können?

Klassische Familienstrukturen und damit der Zusammenhalt und die Interaktion zwischen den Generationen sind nur noch spärlich vorhanden, weshalb ich in einem derartigen Konzept eine realistische Chance sehe den Zusammenhalt und die Interaktion, der Generationen untereinander, zu stärken und der Vereinsamung der Menschen in ländlichen Räumen entgegen zu wirken.

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