… ist wie Demokratie in Grimma. Sie ist da, aber nichts ist zu sehen.

Im letzten Jahr bin ich im Rahmen der #hikefor Kampagne sehr oft wahrscheinlich wunderschöne Wege gelaufen und habe nichts von der Schönheit der Weite und den Bergen gesehen. So auch in der vergangenen Woche, als ich über den Hochgrat im Allgäu gelaufen bin, aber mal wieder vom Nebel eingehüllt war. Trotzdem lohnt es sich immer wieder solche Wege zu gehen, denn irgendwann verzieht sich auch der hartnäckigste Nebel und das Panorama wird sichtbar.

Sichtbar werden und Sichtbarmachung war die Absicht hinter meiner Kandidatur zum OBM in Grimma gewesen. Ich wollte wissen, wie viele Menschen gibt es, die offen sind für niedrigschwellige Ideen wie z.B. die Stärkung der Eigenständigkeit der Ortsteile, die gemeinschaftliche Schaffung von Freizeit-, Sport- und Kulturangeboten abseits der Vereinsstrukturen oder die sich einfach nur eine Verbesserung des ÖPNV und der Radwegesituation in Grimma wünschen. Es sind ca. 1000 wahlberechtigte Menschen von 54% der wahlberechtigten Bevölkerung in Grimma, die sich für eine Veränderung der bestehenden Macht- und Herrschaftsverhältnisse ausgesprochen haben und die damit gesprochen haben (dazu gleich noch mehr). Ich möchte mich hiermit bei jede*r und jedem Einzelne*n bedanken, die sich daran beteiligt haben und mir im Rahmen der Wahl ihre Stimme gegeben haben. Viele von Ihnen haben mir beim Flyer verteilen geholfen, Plakate in ihren Geschäften oder Häusern aufgehangen oder mir einfach Mut zugesprochen, wenn die Facebookkommentare mal wieder unter die Gürtellinie gingen.

Die zahlreichen hasserfüllten Facebookkommentare, die Briefe voller Ablehnung und Wut, welche ich bekommen habe, die sich gegen mich und auch pauschal gegen meine Familie richteten, sind nicht spurlos an mir vorbei gegangen. Sie sind der Nebel, der den Panoramaweg oder eben die Demokratie in Grimma verhüllen. Dabei stellt man sich die Frage, was überhaupt politisch ist und ob wir bei alle dem, was im Rahmen dieser OBM Wahl passiert ist, überhaupt von Politik sprechen können? Was drückt es aus, wenn ein tättoowierter Sozialarbeiter, der sich als Antifaschist und Anarchist bezeichnet, für mehr Angst und Aufregung beim bürgerlichen und sich – gemäß dem Hufeisenmodell – als neutral bezeichnenden Wähler*innenpotential sorgt, als ein Kandidat einer vom Verfassungsschutz beobachteten und als rechtsextrem eingestuften Partei?

Ich habe mich in den letzten zwei Jahren viel damit beschäftigt, was denn Emanzipation, Gleichheit und damit verbunden auch Politik bedeutet. Gelandet bin ich dabei über viele Umwege und philosophische Wirrungen bei Jaques Rancière. Seine Erläuterungen zu Politik ermöglichen es Jugend- und Emanzipationsbewegungen als zu tiefst politischen Akt der gesellschaftlichen Veränderung darzustellen, womit man sagen könnte, dass Jugend und die aus ihr heraus entstehenden Bewegungen Emanzipationsbewegungen sind, sofern sie Veränderung im Sinne eines Fortschrittes und einer Weiterentwicklung darstellen. Blicken wir auf unsere Gesellschaft erleben wir jedoch weltweit eher einen Rückgang und eine absolut starke Abwehrreaktion gegen gesellschaftliche Veränderungen. Nur ein Beispiel ist der in Deutschland kürzlich abgeschaffte §219a StGB, die Pro Life Bewegung ist hingegen weltweit so groß wie noch nie und in Ungarn oder Portugal steht die Kriminalisierung von Abtreibung wieder kurz bevor, in den USA scheint die Rechtssprechung ebenfalls auf der Seite des 19. Jahrhunderts zu sein und kriminalisiert Abtreibung per Gerichtsurteil. Damit wird der Frauenbewegung und somit einer von zwei tatsächlich globalen Emanzipationsbewegungen (die andere war die Arbeiter*innenbewegung) ein herber Schlag versetzt und der seit Jahrhunderten dauernde Kampf der Frauen wird mit Füßen getreten. Auch an den Beispielen der Gendersensiblen und Gendergerechten Sprache können wir erleben wie stark sich eine konservative bis reaktionäre Masse gegen Veränderungen wehrt. Derartige Abwehrhaltungen deuten auf ein enormes Defizit im Rahmen von Emanzipationsprozessen und damit von politischen Diskursen im Sinne eines Streites, über ein: „Wie wollen wir leben?“ hin. Ich habe mich in den letzten Tagen und Wochen sehr oft gefragt, ob der Sprachwahrer des Jahres 2021 oder andere alte weiße Männer je darüber nachgedacht haben wie es  FLINTA* geht wenn sie ihre reaktionären und konservativen Phrasen dreschen. Ebenso habe ich mich gefragt, ob die Menschen die mich so abgrundtief hassen und mich und meine Familie beleidigen, darüber nachgedacht haben, wie es uns damit geht wenn sie ihre Kommentare tippen oder ihre Briefe schreiben! Ich weiß es nicht und sie werden es uns auch nicht sagen!

Kommen wir aber zurück zu Grimma!

Der Antidemokrat Platon hatte nicht viele Hoffnung in die Demokratie, da sie durch Macht der Sprache und den ungebildeten Plebs, der sich im Demos zusammenfindet und dem Anschein, dem Schauspiel des Fürsten und seiner Anhänger*innen blind folgt, einfach zu stark manipulierbar ist. Das Politische kann in der Demokratie, wenn sie z.B. von einer einzigen Person mit 85% dominiert wird, verdrängt werden. Wir befinden uns dann in einem entpolitisierten und nun für 28 Jahre existierendem Fürstentum wieder. Das Politische und Politik verdrängen, bedeutet Gleichheit zu verdrängen und eine Gleichheitsdefinition für eben ausschließlich diese 85% zu konstruieren. Minderheiten, in diesem Fall 982 Grimmaer*innen, die wählen waren, werden von dieser Gleichheit ausgeschlossen. Genau darum ging es eben bei der Wahl, es sollte gezeigt werden, dass es in Grimma Themen gibt, wie z.B. eben niedrigschwellige Kultur-, Sport- und Freizeitangebote, die Mobilität oder die Organisationsstruktur unter den Ortsteilen die von den 85% und dem Fürsten nicht als wichtig oder notwendig erachtet werden. Die Gefolgschaft des Herrschers setzt sich dabei zusammen aus Menschen, die keine Radwege brauchen, weil sie Autos fahren, die keine Angebote für junge Mädchen als notwendig erachten, da sie weiße heterosexuelle Männer sind, die Fußballvereine und Feuerwehr als ausreichend empfinden, weil die Mehrheit eben daran teilnimmt. Nun ist es aber so, dass sich Demokratie am Umgang mit Minderheiten bemisst und nicht an dem Umgang mit der Mehrheit und auch nicht am Umgang mit Menschenfeinden wie von der AfD oder den Freien Sachsen. Das Politische an Demokratie ist der Diskurs, der Streit über Ideen, die von der Minderheit in die Mehrheitsgesellschaft eingebracht werden. Ohne Sprache und ohne diesen Diskurs und Streit existiert keine Politik, sondern es wird mit Ordnungsmaßnahmen und Verwaltung die angebliche Demokratie organisiert und schlussendlich verwaltet. Die Ästhetik und Sprache war da und 982 Menschen haben dieser in Grimma zugestimmt, nur leider fand kein Kommunikationsprozess zwischen der Mehrheit und uns als Minderheit statt. Der Wahlkampf war somit an keiner einzigen Stelle politisch, sondern es hat schlicht und ergreifend derjenige gewonnen, der schon seit 21 Jahren herrscht, weitere 7 herrschen wird und den nächsten Herrscher (ich gehe davon aus, dass im sexistischen Sprachwahrer Fürstentum Grimma keine Oberbürgermeisterin gewählt wird) auch bestimmen wird.

Ich habe nach der Wahl Kommentare bei Facebook gefunden, wo Menschen Matthias Berger zur Wahl gratulieren und sich wünschen, dass er nun endlich mal auch etwas für die Ortsteile, für die Jugend oder Grimma Süd tut! Warum sollte er dies plötzlich machen? Er tat und tut worauf er Lust hat und was er und seine Aristoi für wichtig empfinden. Dies ist eine moderne Form von Feudalismus und eine Autokratie die zu einer Entpolitisierung unserer Gesellschaft beiträgt und wer wissen will wie so etwas funktioniert der ist mit einem Vortrag vom alten und neuen Fürst von Grimma gut beraten. Wer wissen will was Politik und politisch sein kann der muss sich in Grimma und wahrscheinlich in vielen anderen Kleinstädten auf einen immer währenden Aufstieg und Kampf durch den Nebel einstellen.

Als Fazit bleibt: Wir sind immerhin mehr als die Freien Sachsen und wir sind ca. 1000, die für Emanzipationsprozesse in Grimma einstehen würden und die Fantasie einem Fürstentum vorziehen würden!

Passend zu den Geschehnissen ist hier eins meiner Lieblingsgedichte, welches ich tatsächlich immer noch fast vollständig auswendig rezipieren kann:

Im Nebel

von Hermann Hesse

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.

Seltsam, Im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

…another world is possible!!!

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