Irgendwie zeichnet sich ab das es mir Freude bereitet euch meine Gedanken zur Gesellschaft, der Jugendarbeit und der Sozialen Arbeit verbunden mit Bergerlebnissen näher zu bringen, denn aus mir noch nicht näher bekannten Gründen lassen sich dort wunderbare Synergien erzeugen. Ob es irgendwen interessiert und ob das sinnvoll ist könnt ihr mir ja gern mal zurück melden. Heute gibt es deshalb Hannah Arendt und die Ohnmacht, verpackt in einem Bike and Hike Erlebnis auf die Höfats im Allgäu. Hier können wir gleich schon mal fest halten das sich Hannah Arendt mit dem Mythos der Kollektivschuld auseinander gesetzt hat und ich mich mit dem Mythos eines Berges. Im Falle der Höfats haben wir uns nach der Besteigung darauf geeinigt das die Allgäuer diesen Mythos wahrscheinlich aufrecht erhalten, um diesen wunderschönen Berg vor dem Massentourismus und dem Bau eines Klettersteiges an eben diesem zu bewahren, denn wie ich später noch beschreiben werde würde er dann an der Schlüsselstelle und auf dem Weg dort hin tatsächlich seinen Reiz verlieren.

Im Falle Arendts wird es dann doch mit dem Mythos der Kollektivschuld etwas komplexer. Wie einige vielleicht wissen, lehnt Arendt diese ab, denn wenn alle schuldig sind gibt es keine Schuldigen mehr. Unter dem Blickwinkel der aktuellen Ereignisse in Moria auf Lesbos oder sämtlichen anderen Flüchtlingslagern auf dieser Welt, bekommt diese Perspektive natürlich noch einmal einen völlig anderen Drive, denn wer trägt die Schuld an diesen Umständen, das Menschen in derartig Menschenunwürdigen Verhältnissen leben müssen und vielleicht noch Opfer von Brandstiftung oder anderen schlimmen Verbrechen werden. Wer hat Schuld? Wir alle oder sind es doch einzelne Verantwortungsträger*innen?

Für Mund-Nasen-Schutz Masken und COVID19 finden, besonders in Deutschland, viele Menschen schnell einzelne Schuldige, welche sie dafür Verantwortlich machen, es werden auch schnell Einzelpersonen gefunden die angeblich für den Neoliberalismus verantwortlich sind. Mich persönlich haben die Ereignisse am 29.08.2020 in Berlin weder überrascht noch war ich besonders krass entsetzt. Entsetzt war ich das der mediale Aufschrei zu den Ereignissen im Zusammenhang mit den Ausschreitungen rund um Hausbesetzungen in Leipzig, fast in gleichem Maße skandalisiert wurden wie der „Sturm auf den Reichstag“ am 29.08.2020. Wobei ich das Gefühl habe das die Ereignisse in Leipzig skandalöser für viele sind als wehende Reichsfahnen, welche nun mal konträr zu einer Demokratie stehen, vor dem Reichstag in Berlin. Ebenso scheint es, die in Berlin demonstrierenden, auch nicht so sehr anzuheben wenn Flüchtlingslager brennen und Menschen sterben, wie wenn Einzelpersonen, die es finanziell absolut nicht nötig haben, angeblich Impfstoffe planen und verteilen wollen. Anders als Arendt denke ich, dass uns in vielen Fällen doch eine Kollektivschuld trifft, da wir es nicht geschafft haben die Umstände zu verändern und viele einfach mit gemacht haben oder sich nicht entschieden gegen Menschenverachtende Verhältnisse ausgesprochen haben, dieses mitmachen kann als Zustimmung gedeutet werden und ob nun Alle oder Einzelne Verursacher*innen und Schuldige sind, ist dann schon fast egal, denn das Unrecht passiert. Doch was will ich damit sagen und worauf will ich hinaus?

Seit langem plage ich mich mit Gedanken herum wie ich persönlich mit der Situation und den Diskursen umgehen kann und wie ich für mich einen Umgang damit finde. Nun beim Besuch der Hannah Arendt Ausstellung in Berlin fiel mir ein Büchlein von ihr in die Hand und dort fand sich folgendes Zitat: „Ich glaube, wir müssen zugestehen, dass es extreme Situationen gibt, in denen man Verantwortung für die Welt, die primär ein politisches Gebilde ist, nicht übernehmen kann, weil politische Verantwortung immer zumindest ein Minimum an politischer Macht voraus setzt. Ohnmacht und absolute Machtlosigkeit, sind, so glaube ich, eine stichhaltige Entschuldigung. Dies stimmt umso mehr, als offenbar eine bestimmte moralische Eigenschaft erforderlich ist um sich Machtlosigkeit überhaupt einzugestehen, nämlich der Gute Wille und die Gute Absicht, sich der Realität zu stellen und nicht in Illusionen zu leben. Überdies liegt genau in diesem Eingeständnis der eigenen Ohnmacht begründet, dass man sich sogar in verzweifelter Lage einen Rest von Stärke und selbst noch von Macht erhalten kann.“ (Hannah Arendt – Was heißt persönliche Verantwortung in einer Diktatur)

Spinnen wir die Tragweite dieses Zitates weiter, bedeutet dies für jeden Einzelnen sich selbst zu hinterfragen wie er selbst wirkmächtig handeln kann und seine Macht und Stärke die er selbst noch hat am effektivsten nutzen kann. Eine relevante Frage, besonders wenn ich dies für mich persönlich reflektiere. Wie viele Diskurse und Diskussionen habe ich geführt und dabei versucht Blickwinkel zu verändern, bekommen habe ich oft Beleidigungen, Hohn, Hass, Diskreditierung und seit neustem auch Anwaltsschreiben.

Als wir am 28.08.2020 in Oberstdorf auf 843 HM gegen 8:30 Uhr unsere Fahrräder vom Bus holten um dann bis auf 1428 HM, 13,1 km bis zur Käsealpe Oytal zu radeln war mir nicht klar das ich bei 20% Steigung dann doch etwas überfordert war mit dem Rad, ich wurde mir der Kraftlosigkeit bewusst die sich in etwa mit dem Gefühl überschneidet welches mich umgibt wenn ich mir die Bedenken der Menschen anhören soll die nach Freiheit rufen weil sie einen Mundschutz tragen müssen, obwohl es auf unserer Welt eine Menge Menschen gibt deren Freiheit tatsächlich gefährdet ist. Schauen wir nach Belarus, Lesbos oder nach Brasilien …! Doch die individuelle Stärke ist dann doch das laufen und nach den 600 HM Rad sollten noch einmal ca. 800 HM bis auf den Gipfel des Höfats folgen. Es ist für mich nicht schlimm zu sagen ich bin zu kraftlos für solche Fahrradstrecken, genau so wie ich es ok finde sich aus diesem Pseudofreiheitsdiskurs heraus zu nehmen, denn auch dafür fehlt mir die Kraft und der Wille. Ich kann und will die Verantwortung dafür nicht übernehmen, ich muss mir auch eingestehen das ich die Soziale Arbeit und die Jugendarbeit nicht mit einem erfolgreichen Projekt verändern kann, sondern das all dies viel Geduld braucht und vor allem sieht die aktuelle Realität vollkommen anders aus. Das relevanteste Beispiel ist die Erkenntnis nicht mehr ausreichend Kraft und Macht aufzubringen um diese absurde Extremismusdebatte endlich aufzubrechen, ob wir dort nun das Grimma Beispiel aufmachen oder die Debatten rund um den G20 in Hamburg oder die aktuellen Riots in Leipzig, bleibt irgendwie gleich. Die Debatte ist immer gleich, wenn das gezielte ermorden von Menschen mit Sachbeschädigungen oder gar dem Ausspruch „Nazis raus“ gleich gesetzt wird, bin ich raus und sage mir, ich habe dieser Debatte nichts mehr hinzu zu fügen, da ich auch mit Leuten die diese Gleichsetzung betreiben einfach keine Kompromisse eingehen will, denn bleiben wir bei Arendt der Kompromiss wäre eine Form der Zustimmung.

Der Kompromiss für den Berg wäre, sich ein E-Bike zu holen um nicht vor der Wanderung schon völlig am Ende zu sein oder in die Höfats (Ostgipfel) einen Klettersteig für den Südostgrat hinein zu zimmern damit dann auch wirklich jeder hoch kommt. Sie ist ein wunderschöner Gipfel dessen Aufstieg über einen Grat und sehr steile und rutschige Grasflächen erfolgt, welche dann zum Gipfel hin immer steiler und zu Klettergelände (2. – 3. Grad) werden, kurz vorm Gipfel wird man* mit einer Steinplatte in ausgesetztem Gelände konfrontiert, welche dann auch tatsächlich überklettert werden muss. Dort kehren viele Menschen um da es wirklich nicht nass sein darf und man* ohne Seil sich tatsächlich für drei, vier Meter in einen Bereich begibt der keine Fehler verzeiht, daher wahrscheinlich auch der hohe Respekt vor dem Berg und die für 2259 m doch recht hohe Anzahl von Todesopfern. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, kurz vor der Schlüsselstelle ist ein Bohrhaken gesetzt und ihr könnt euch mit einem Seil über diese Stelle hinweg helfen. Ich persönlich bin gegen den Kompromiss E-Bike, dann muss ich halt mehr trainieren und auch gegen den Kompromiss Klettersteig, denn irgendwie verliert dann das Wahrzeichen des Allgäus seinen Reiz. Genau so ist es mit der Gesellschaft, ich bin einfach nicht mehr bereit Kompromisse einzugehen, welche Ungerechtigkeiten zustimmen, auch bin ich nicht mehr bereit zu Lasten der Jugendarbeit im Sinne einer Finanzierung inhaltliche Kompromisse einzugehen, also werde ich weiter daran arbeiten die Trennlinie zwischen Sozialer Arbeit und emanzipatorischer Jugendarbeit zu verdeutlichen, auch wenn ich damit wahrscheinlich nicht so viele Menschen erreiche und zahlreiche Menschen dadurch verprelle, aber im Sinne einer anderen Welt, denke ich, es muss Menschen geben die sich der Zustimmung entziehen und wie es Hannah Arendt beschreibt, sich Machtlosigkeit gegenüber der Politik eingestehen, wie es im Sinne des eigenen Lebens auch notwendig ist, sich eingestehen zu können das nicht jeder Gipfel erreichbar ist wenn man selbst physisch und psychisch nicht in der Lage dafür ist. Diese Einsicht ist nichts schlimmes, nein sie ist ehrlich und nah dran an der Realität.

Nach ca. 2h hatten wir dann auch das Gipfelkreuz erreicht und wurden mit einer wunderbaren Aussicht belohnt, jedoch sahen wir auch den drohenden Dauerregen anfliegen, also hieß es schnell machen um den Abstieg trocken zu überstehen, denn durch die enorme Steilheit der zu begehenden Grasfläche wäre dies sonst eine recht gefährliche Schlitterpartie geworden. Trocken zur Hütte und das Gipfelbier nachgeholt um dann mit den Bikes gefühlt 10 Minuten (waren tatsächlich 25 Min.) die 13,1 km wieder ins Tal nach Oberstdorf zu düsen. Diese Abfahrt entschädigte für die Strapazen welche man* sich bergauf mit dem Rad angetan hat und pünktlich mit dem einsteigen ins Auto begann der dann 2 Tage anhaltende Dauerregen, also alles richtig gemacht.

Nachdem ich nun mit dem Konzept „Dorf der Jugend“ ja auch irgendwie einen Gipfel bestiegen hab, folgt nun wahrscheinlich der Abstieg der mit Gedanken über den Sinn und das wie weiter verbunden ist. Dabei stören und nerven mich die Beratungsresistenten Politiker*innen, Professor*innen, Sozialarbeiter*innen und vor allem nerven mich diese Verschwörungsdemonstrant*innen und daraus folgt die Zurücknahme, denn was will ich mit denen bereden wenn ich in ihren Augen so oder so nur fehlgeleitete Informationen hab. Was will ich mit jemanden* besprechen mit dem ich mich nicht auf eine gemeinsame Zukunft verabreden kann, ohne mich dabei selbst zu verachten, deshalb macht es für mich Sinn sich die Ohnmacht einzugestehen um mit der dadurch bewahrten Selbstachtung und Kraft noch wirkmächtig zu bleiben für eine Zeit in der all das nur noch ein Passus in der Geschichte ist.

In diesem Sinne: Geht wandern, Rad fahren und Bergsteigen und werdet euch eurer eigenen Grenzen bewusst!

…another world is possible!!!

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