Am 25.03.2020 hat Hubertus Heil (SPD) in einem Interview mit dem Deutschlandfunk gesagt:

„Wer wenn nicht unsere Gesellschaft, unsere Volkswirtschaft und übrigens unser Staat sind eigentlich auf solche Situationen gut vorbereitet. Wir sind ein starker Sozialstaat. Wir sind nicht wie in Amerika, wo jetzt viele Menschen existenziell durchrasseln, sondern wir haben Sicherungssysteme und dieses Land hat die Kraft, diese schwierige Zeit auch zu überstehen.“
(Quelle: deutschlandfunk.de verfügbar am 03.04.2020)

Er hat mit der Feststellung das wir in Deutschland in einem starken und Leistungsfähigen Sozialstaat leben auch ziemlich recht, jedoch haben wir, und dies merkt man* durch die aktuelle Debatte rund um COVID-19 sehr deutlich, einen enormen Hang dies zu glorifizieren. Wie man* schon in dem Zitat von Hubertus Heil merkt, folgt mit dem starken Sozialstaat in Deutschland, auch gleich eine Abgrenzung zu Amerika (er meint wahrscheinlich die USA) und anderen Ländern.

Diese verkürzte Darstellung ist im Kontext „Sozialer Arbeit“ sehr gefährlich und kann Fehlinterpretiert werden, denn es ist vollkommen unklar was denn überhaupt ein Sozialstaat ist. Dahinter liegen Systeme und Mechanismen die bestimmte Formen eines Sozialstaates ausmachen, denn genau genommen kann auch die von Heil angesprochene USA ein Sozialstaat sein, nur eben anders organisiert! Diese Pauschalisierungen kennen wir ja auch von anderen Themen, aber wie wir ebenfalls von anderen Themen wissen brauchen die Menschen wahrscheinlich diese Vereinfachungen. Leider!

Ich habe in den letzten Wochen wenig, bis gar nichts gepostet und bin natürlich aufgrund der Absage von so ziemlich allen Veranstaltungen und Vorträgen auch ein bisschen in meinem Office versunken. Da gibt es Dinge auf zu arbeiten die schon seit Jahren auf der ToDo Liste stehen und vor allem gilt es Texte zu verfassen die meine Aussagen, die ich bei Vorträgen oder Diskussionen in den letzten Monaten vor der globalen Pandemie immer wieder getroffen habe, untermauern und die getroffenen Aussagen auch in einen wissenschaftlichen Kontext setzen. Häufig hatte ich das Gefühl das meine Aussagen bei einigen Menschen verstörende Reaktionen hervor rufen. Wenn ich z.B. konsequent über Fördermittel und die dahinter liegende Politik herziehe und Vereinen oder engagierten Menschen empfehle ihre Arbeit ohne Fördermittel zu gestalten. Was selbstverständlich schwer ist, aber ich sage dies ja nicht ohne Grund und die Gründe habe ich versucht in dieser hiermit veröffentlichten Arbeit darzustellen.

Wie ihr ja mittlerweile mitbekommen habt, habe ich mich 2019 noch einmal entschieden ein aufbauendes Studium im Bereich der Sozialen Arbeit zu machen. Ich habe mich für einen sehr Dienstleistungs und Management orientierten Masterstudiengang an der HTWK in Leipzig entschieden. Das diese Entscheidung nun schon nach dem 1. Semester dazu geführt hat die Soziale Arbeit als Profession in seiner heutigen Form zu hinterfragen ist ein sehr spannender Prozess. Ich bin auch ehrlich gesagt mittlerweile sehr traurig über die Tatsache, dass das Studium nun aufgrund der uns umgebenden Situation eher als Selbststudium stattfindet. Habe ich mich doch genau wegen den Diskussionen und den Präsenzinhalten für ein Direktstudium entschieden, aber was soll’s!

Im Zusammenhang mit den Prüfungsleistungen für das 1. Semester musste ich im Modul Dienstleistungsmanegement in der Sozialwirtschaft eine Hausarbeit schreiben. Diese möchte ich euch hiermit zur Verfügung stellen, denn ich habe die Chance genutzt die Soziale Arbeit im Kontext eines angeblichen Sozialstaates und die damit verbundenen Mechanismen zu hinterfragen. Gleichzeitig habe ich mich dazu verleiten lassen auch eine Möglichkeit des Ausweges aus dieser Situation zu skizzieren. Damit verbunden ist auch die erstmalig formulierte Forderung, einer Abspaltung von der heutigen Sozialen Arbeit, durch die Sozialarbeiter*innen die in ihrer Praxis einen hohen emanzipatorischen und Gesellschaft entwickelnden Anspruch sehen und diesen nicht der Praxis der Institutionellen Förderung, sowie der Fördermittelvergabepraxis opfern wollen.

Ich hätte am 25.04.2020 beim taz-lab in Berlin über den Inhalt diskutieren und sprechen können, doch bis sich nun wieder die Gelegenheit ergibt möchte ich euch den Text nicht vorenthalten und freue mich sehr über Feedback!

Folgend findet ihr einen Preview der Arbeit und am Ende eine Verlinkung zur gesamten Arbeit. Falls ihr Inhalte verwendet würde ich mich sehr freuen wenn ihr auf mich und diese Arbeit verweist und mir ggf. auch bescheid gebt falls ihr selbst an dem Thema arbeitet!

Another world is possible…!!!

Wie Soziale Arbeit sich selbst ersetzbar macht!

Abstract:

Der im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland festgeschriebene Sozialstaat existiert, aber keiner weiß genau was wir uns darunter vorstellen müssen. Die Soziale Arbeit wurde durch die damit verbundenen Mechanismen verändert und hat sich von ihrem Ideal entfernt. Besonders hart trifft es in diesem Zusammenhang Sozialarbeiter*innen die emanzipatorisch und orientiert an den Menschenrechten arbeiten wollen, aber auch Peer’s wie z.B. Jugendliche und die Lebensphase der Jugend werden durch den Mythos Sozialstaat beeinflusst. Wie der Sozialstaat dies macht und wie er dadurch Macht über die Menschen ausübt habe ich versucht mit dieser Arbeit darzustellen. Zugleich möchte die Arbeit einen Ausblick geben wie wir dies ändern können und welche Rolle Soziale
Arbeit dabei spielt und ob sie als Profession überhaupt dazu fähig ist.

Inhaltsverzeichnis:

1

2

2.1

2.1.1

2.1.2

2.1.3

2.2

3

3.1

3.2

3.3

4

Einleitung

Das System in dem wir wirken

Der Sozialstaat als Lebensrealität

Wie funktioniert der Sozialstaat

Die Wohlfahrtsverbände als Kooperationspartner

Fördermittel als Lückenfüller

Soziale Arbeit als Dienstleistung

Sich dem IST – Zustand fügen?

Dienstleistung als Soziale Aufgabe

Jugendarbeit als Befreiungsstrategie

Gemeinwohl – Ökonomie und kollaborative Zusammenschlüsse

Fazit

Literatur

2

3

3

5

8

10

11

14

14

16

17

19

21

Leseprobe:

1 Einleitung

Im Rahmen meiner praktischen und theoretischen Arbeit im Feld der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, als Teil der Profession Sozialer Arbeit, haben sich die Widersprüche, bezogen auf Finanzierung und damit eine grundsätzliche Durchführbarkeit der Arbeit, enorm zugespitzt. Wir befinden uns heute in einer Situation wo wir ernsthaft darüber nachdenken müssen ob es sinnvoll ist, die Arbeit wie bisher durchzuführen. Denn der Preis für diejenigen, welche einen kritischen und emanzipatorischen Anspruch mit der Jugendarbeit verfolgen, ist hoch. Preis ist hier sogar das richtige Wort, denn durch die Ökonomisierung Sozialer Arbeit und damit auch der Jugendarbeit sind Sozialarbeiter*innen innerhalb dieses Bereiches häufig gezwungen ihr eigenes Privatleben zu vernachlässigen. Sie begeben sich ständig in Konfliktfelder mit Politik und Institutionen um anwaltschaftlich für die Jugendlichen Räume und deren, sowie eine inhaltlich begleitende Finanzierung für einen gesetzlich geregelten Auftrag, zu erkämpfen. Dabei stehen sie in einem ständigen Konkurrenzkampf mit den kommerziellen Angeboten, welche den Jugendlichen im Freizeitbereich On und auch Offline gemacht werden. Oft können hier die Angebote der Jugendarbeit nicht mithalten und so kommt es zu einer mangelnden, bis hin zu einer nicht mehr vorhandenen, Beziehung zwischen Jugendlichen und Sozialarbeiterinnen. Welche dann wiederum durch die Institutionen als Argumentationsgrundlage für Kürzungen und gravierende Einschnitte im Bereich der Jugendarbeit herangezogen werden. Diese Spirale hat dazu geführt das der gesamte Sektor der Jugendarbeit teilweise „Entprofessionalisiert“wurde. Somit etablierten sich Förderprogramme, Förderrichtlinien oder gar Neoliberale Finanzierungsmodelle, welche zum einen die Realisierung von einer Selbstständigen und Eigenständigen Entwicklung (§11 SGB VIII) junger Menschen nicht mehr zulassen oder zum anderen teilweise keinerlei Kenntnis mehr davon haben das es einen solchen gesetzlichen Auftrag überhaupt gibt.

Hirschfeld schrieb im Kontext der sich etablierenden Schulsozialarbeit dazu „[…] will sich Jugendarbeit als Ergänzung für die Defizite der Schule andienen, die den Anforderungen der Privatwirtschaft an einen veränderten Sozialcharakter der Arbeitnehmer […] nicht ausreichend genügen kann? Ich vermute ein großer Teil der Jugendarbeit will genau das und hofft im Gegenzug Finanzen und Anerkennung zu bekommen.“(Hirschfeld 2015, S. 180) Dieses Ringen um Finanzen und Anerkennung führt schlussendlich zu einer Unterordnung des inhaltlichen, besonders aber des emanzipatorischen Auftrages der Jugendarbeit. Dabei bleibt es gleich ob diese Unterordnung im Rahmen einer Marktlogik, entsprechend des kapitalistischen Systems, oder eine Unterordnung bei bestimmten Mehrheitsverhältnissen, im Sinne des demokratischen Systems passiert (vgl. Benz 2014, S. 218). Bei allen Fragen und Bezügen, welche sich bei der Bearbeitung dieser Frage auftun kommen wir nicht umhin uns mit der Frage der Macht zu beschäftigen, welche auf die Soziale Arbeit ausgeübt wird.

Ich möchte mit dieser Arbeit versuchen, das Dilemma zu erläutern in welchem sich die Jugendarbeit und damit verbunden die Soziale Arbeit befindet. Zugleich werde ich versuchen eine Möglichkeit zu zeigen, wie eine Überwindung dieser Abhängigkeiten und der teilweise selbst produzierten Ohnmacht aussehen könnte. Der Fokus soll dabei stets auf der Jugendarbeit im Sinne des §11 SGB VIII liegen, da an seinen Inhalten der Widerspruch zwischen der gewünschten Selbstständigkeit, sowie der gesellschaftlichen Mitverwantwortung und den damit verbundenen Kontexten, in denen sich die Profession bewegt, sichtbar wird (vgl. Burdukat 2014). Die Arbeit widmet sich deshalb dem Dilemma wie es dazu kommen konnte das wir als Sozialarbeiterinnen Wein trinken und für unsere Klient*innen Wasser predigen.

Gesamte Arbeit:

Creative Commons Lizenzvertrag
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1 Kommentar

  1. Lieber Tobias,
    ich finde deine Ausarbeitung sehr gelungen und interessant. Vor allem das Kapitel 3.1 und hier der untere Abschnitt Seite 15f. verdeutlichen einen sehr spannenden Ansatz! Die Idee einer Abspaltung finde ich besonders spannend…
    Doch zusätzlich würde ich mich – da wir uns ja nun austauschen werden freue ich mich besonders – dafür aussprechen, mithilfe der Sozialarbeiter*innen DIE Soziale Arbeit trotz deines beschriebenen Dilemmas zu verändern. Vielleicht ist genau dies die Aufgabe einer Politischen Sozialen Arbeit und dessen Auftrag, den es auszuarbeiten gilt.
    Mich würde noch interessieren, was du mit „Solidargemeinschaften“ meinst?

    Ganz in dem Sinne der Bündelung der Sozialarbeiter*innen, die du benannt hast: Sozialarbeiter*innen aller Länder, vereinigt euch!
    Solidarische Grüße
    Niklas Rokahr

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