Denn wir wissen nicht was wir tun – der Mythos Selbstverwaltung

Seit ein paar Wochen herrscht in Sachsen unter den in der Jugendarbeit tätigen Menschen helle Aufregung und es schwingt wie schon vor 10 Jahren eine unheimliche Angst mit, das mit dem Beschluss des Landtages zum Doppelhaushalt 2021/2022 die Jugendarbeit und eine oft damit verbundene Soziokulturelle und Demokratie fördernde Arbeit vor ihrem endgültigen Aus steht.

Ich habe mich bisher zu diesem Thema nicht wirklich öffentlich geäußert und habe mich bei Facebook und im Rahmen meiner Vorstandstätigkeit im Kinder und Jugendring des Landkreises Leipzig eher kritisch und skeptisch zu den Rundbriefen und Stellungnahmen positioniert. Ich denke der heutige Blogbeitrag eignet sich gut um dies etwas auf zu lösen und mich diesbezüglich auch etwas zu erklären. Ich möchte gern voran stellen das ich damit meinen Kolleg*innen die sich dafür stark machen das es nicht zu diesen Kürzungen und Einschnitten kommt nicht quer schießen möchte. Ich unterstütze emanzipatorische Jugendarbeit und vor allem Jugend, je nach meinen Möglichkeiten, wo ich kann. Jedoch kann ich meine eigene Biografie und die damit verbundene Abhärtung gegenüber solchen Schikanen nicht ausblenden und vor allem kann ich meine derzeitige intensive Beschäftigung mit den Ursachen der Wirkungslosigkeit und den Legitimationsproblemen der Jugendarbeit nicht ausblenden.

Im Jahr 2010 wurde die in Sachsen, nach meinem jetzigen Wissens und Forschungsstand, größtenteils von vornherein (ab der Installierung in Ostdeutschland 1990) an den Zielen der Jugendarbeit vorbei agierende Jugendhilfe, radikal beschnitten, so dass wir zum heutigen Stand schon fast gar nicht mehr von einem vorhanden sein, einer Wirkmächtigen Jugendarbeit, besonders in den ländlichen Regionen, sprechen können.

Von diesen Erfahrungen geprägt dachte ich mir es muss doch auch irgendwie möglich sein unabhängig von diesen ständigen Einschnitten und dem klein halten, gute Jugendarbeit durchzuführen. Nun der Gedanke reifte immer weiter im Kopf und irgendwo zwischen dem Wissen über Sozialräumliches Arbeiten, Gemeinwesen, Jugendkulturen und Lebenswelt orientierter Arbeit entstand mit einem romantischen Blick auf die Jugendzentrumsbewegung in Westdeutschland die Idee von dem heutigen Projekt „Dorf der Jugend“ und der damit verbundenen Utopie eine sich selbst tragende und autonom funktionierende Jugendarbeit im ländlichen Raum zu etablieren. Seitdem ist tatsächlich viel Wasser die Mulde runter geflossen und die Utopie bekommt regelmäßig herbe Tiefschläge und Dämpfer verpasst, aber entscheidend ist, ob sich die Idee und die Jugendarbeit wieder davon erholt. Wie bei einer Alpinen Bergwanderung setzt man* sich freiwillig ziemlichen Strapazen aus um den Gipfel zu erreichen, dort ist man* dann glücklich und einen durchfahren Glücksgefühle oder am Beispiel des Projektes bekommt man* dann Preise und wird in allerlei Medien erwähnt. Fühlt sich gut an, aber es sind sehr vergängliche Gefühle. Denn der Gipfel und die erfolgreiche Umsetzung eines Konzeptes in der Jugendarbeit ist noch lange nicht das Ende, nennen wir es einen Teilerfolg. Als Bergbeispiel für diesen Artikel wird uns der Geiselstein im Ostalgäu begleiten, welcher auch gern als das Ammergauer Matterhorn bezeichnet wird, auch wenn er mit seinen 1879 Metern vom echten Matterhorn etwas entfernt ist. Vielleicht ist es aber auch wie mit der Jugendarbeit, denn obwohl wir davon reden, für sie kämpfen und Offene Briefe verfassen an die Landesregierung sind wir dennoch ein ganzes Stück davon entfernt tatsächliche Jugendarbeit vorhalten zu können und diese auch zu finanzieren.

Über den Weg zum Gipfel möchte ich dieses mal gar nicht so viel schreiben, denn der Fokus liegt in diesem Beispiel eher auf dem Zustieg zum Berg an sich, dem Ausblick sowie dem Abstieg, denn die fast 2h Gehzeit und ca. 10km bis zum Wankerfleck (1200m) vom Parkplatz in Halblech (880m) kann man* sich in der Saison mit Bus, oder mit dem Fahrrad etwas erträglicher gestalten. Denn die Straße und der befestigte Weg ziehen sich ganz schön. Dann geht es steil rauf und man* gewinnt rasch an Höhenmetern bis man* 150 Meter vor dem Gipfel dann den Geiselsteinsattel (1729m) erreicht und ab hier beginnt über den Normalweg eine leichte Kletterei im 2. Grad, Sicherungshaken sind vorhanden, so dass man* sich nicht unnötig in Gefahr bringen muss. Auf dem Gipfel wird einem dann erst einmal bewusst das es bis hier her anstrengend war, man* es aber doch geschafft hat. Blickt man* zurück nach Deutschland sieht man* ein flach da liegendes Land, blickt man* in Richtung Österreich sieht man* nur noch Gipfel und Bergketten und genau dieses Bild ist es was mich umtreibt. Die Jugendarbeit in Sachsen wirkt auf mich wie der ständige Versuch den Gipfel zu erreichen ohne dabei vielleicht auf bereits gut funktionierende Beispiele zu blicken, so macht es den Eindruck als versucht man* immer und immer wieder den selben Gipfel zu erklimmen, was entsprechend dem sportlichen Geist vielleicht sehr ehrenvoll ist, der Sache hilft es aber recht wenig. Denn was liegt auf dem Weg? Da liegt Wissen über die Jugendzentrumsbewegung in Westdeutschland, da liegt Wissen über emanzipatorische Arbeit, da liegt Wissen über die Lebensweltorientierung und da liegt das Wissen über die wahrscheinlich von Grund auf In Frage zu stellende Organisation von Sozialer Arbeit und dem damit verbundenen Studium. Also könnte man* auch einfach mal das Fahrrad nehmen um näher an den ersten Gipfel zu kommen, denn dahinter befinden sich noch zahlreiche andere Gipfel die bestiegen werden wollen um sich endlich den Zielen der Jugendarbeit annähern zu können. Das Wissen also mal einpacken und sammeln und sich noch vor uns liegenden Herausforderungen stellen. Die ersten Meter des Abstieges sind mit Seil relativ schnell bewältigt und auch der schöne Weg zwischen Sattel und Wankerfleck macht noch Spass, wenn ihr spät am Tag gestartet seit, vergesst nicht eure Stirnlampe (auch das ist ähnlich wie in der Jugendarbeit und besonders wie in der Selbstverwaltung: wenn der Weg nicht klar definiert und sichtbar ist geht man* halt irgendwie runter und das kann auch mal gefährlich bis tödlich werden – vielleicht ist die Jugendarbeit zu lang und zu oft ohne Sicht gelaufen und nun, so scheint es, bekommt sie dafür die Quittung), denn so wirklich gut lässt es sich erst ab dem befestigten Weg wieder laufen und dieser zieht sich dann bis nach Halblech und ist gefühlt unendlich lang und wenn man schon ein paar Tage Bergwandern in den Beinen hat, ist der harte Asphalt bis zum Parkplatz auch kein Spass, zum Glück gab es am Parkplatz ein paar Getränkereste, wahrscheinlich aus der Kenzenhütte, die man* sich gegen Spende genehmigen konnte! Danke dafür!

Doch was nimmt man* von so einer Tour mit? Beim nächsten mal ist auf jeden Fall das Fahrrad am Start um sich die ersten 10km etwas erträglicher zu gestalten und genau dort beginnen meine Zweifel mit der aktuellen Situation in der Jugendarbeit. Warum haben wir es in 10 Jahren nicht geschafft mal weiter zu denken? Warum haben wir uns nicht schon eher mit den Theorien und der aufgearbeiteten Historie der Jugendzentrumsbewegung auseinandergesetzt? Das was gerade passiert, ist, das ich zum wiederholten mal in Halblech auf dem Parkplatz stehe, 11 Uhr Mittags ohne Stirnlampe, und wieder zu Fuß bis zum Wankerfleck laufen möchte und im dunkeln absteigen werde, obwohl ich weiß ich wäre mit einem Rad und einer Stirnlampe besser dran. Genau das macht die aktuelle Debatte für mich so fern und hält mich davon ab mich dort mit ein zu klinken. Denn hinter dem Geiselstein liegen noch zahlreiche andere Gipfel die wir erklimmen müssen um von tatsächlich funktionierender Jugendarbeit sprechen zu können und irgendwann sollte ich aus meinen Versäumnissen und Fehlern auch mal lernen.

Einer davon ist z.B. der Mythos der Selbstverwaltung, die im Rahmen der Jugendarbeit ja dabei helfen soll das junge Menschen selbstständige und eigenständige Individuen werden. Nebenbei hilft eine gut funktionierende Selbstverwaltung auch dabei das Zentren und Jugendräume überleben könnten, ohne sich ständig bettelnd den Trägern, Kommunen, Landkreisen und dem Land Sachsen zu unterwerfen. Auch können in Selbstverwaltung Aushandlungsprozesse vermittelt werden, welche dann dabei helfen können demokratische Prozesse zu verstehen. Dort sind wir auch gleich bei dem Dilemma der Jugendzentrumsbewegung, denn scheinbar war diese nicht in der Lage Selbstverwaltung soweit zu denken, dass selbstverwaltete Freiräume überleben und orientiert an den Bedürfnissen der jeweiligen Generationen fortbestehen können. Wie ich schon einmal festgestellt habe, stelle ich in Frage das eine unselbstständige Jugendarbeit Menschen auf ihrem Weg zur Selbstständigkeit begleiten kann. Sie könnte aber dafür sorgen, indem sie sich ihrer Unselbstständigkeit bewusst ist, das sie dies reflektiert und somit Räume schafft in denen diese Selbstständigkeit möglich ist. Dies geht jedoch nicht, wenn sie immer und immer wieder bereit ist Kompromisse einzugehen, welche dann unterm Strich zu Lasten der Jugendlichen gehen. Irgendwo dort möchte ich auch die Soziale Arbeit dafür verantwortlich machen das die Jugendzentrumsbewegung nicht überleben oder weiter getragen werden konnte. Die Lebensphase Jugend ist doch keine Verhandlungsmasse und sie ist verdammt kurz. Wenn wir wollen das sich unsere Gesellschaft ändert und das Freiheit möglich wird dann müssen wir etwas dafür tun und ich empfinde einen Offenen Brief, nachdem wir uns immer und immer wieder mit Förderprogramm und Scheinfinanzierungen haben ruhig stellen lassen, als reines Placebo. Es tut mir leid liebe Freund*innen die an dem Brief mitgewirkt haben, aber ich bin es einfach leid das wir uns dann schlussendlich unterwerfen und mit den immer bescheidener werdenden Umständen auch noch versuchen umzugehen. Der Jugend hilft das nicht, maximal unseren Arbeitsplatz können wir damit sichern.

An diesem Punkt wird auch sehr gut deutlich warum die Jugendarbeit solch ein immenses Legitimationsproblem hat und warum hier immer wieder gekürzt wird, da über Dinge gesprochen wird und Ziele verfolgt werden die nahezu undefiniert sind. Dort eignet sich die Selbstverwaltung sehr gut, denn wenn man danach sucht was dies überhaupt sein soll und wie ggf. Selbstverwaltung begleitet von Jugendarbeit entstehen kann dann findet man* leider nicht viel und es kommt einem die Frage wie das sein kann! Da ich selbst kein Jugendlicher im Projekt „Dorf der Jugend“ bin, konnte ich nicht mehr tun als mich mit diesem Thema methodisch und inhaltlich auseinander zu setzen und dies den Jugendlichen zur Verfügung zu stellen, was daraus entsteht und ob ich dann in zwei drei Jahren sagen kann, so könnte evtl. Selbstverwaltung funktionieren und so ist Integration in selbstverwaltete Projekte möglich werden wir sehen. Was meine Gedanken dazu waren habe ich in einer Hausarbeit zusammen gefasst, die ich euch hier gern zur Verfügung stellen möchte: Selbstverwaltung als Raum für Innovation (Die Arbeit wird ohne Anlagen veröffentlicht, da diese eine Methode zur Bewusstwerdung von Selbstverwaltung enthält, wer daran Interesse hat kann sich sehr gern via Mail bei mir melden!)

Zu Sachsen und der Jugendarbeit kann ich nur sagen, dass ich sehr hoffe das sich Menschen finden die sich auf theoretischer, inhaltlicher, politischer und vor allem praktischer Ebene nicht damit begnügen immer und immer wieder die asphaltierte Straße zu laufen und trotz spätem Start auch noch ständig die Stirnlampe vergessen. Wir müssen es schaffen uns zu vernetzen und dabei Modelle entwickeln mit denen aus einer unselbstständigen Jugendarbeit eine selbstständige wird, welche dann, entsprechend ihres Auftrages, jungen Menschen bei der Entwicklung zu selbst und eigenständigen Individuen ein Begleiter sein kann und sich somit auch unsere Gesellschaft verändern kann.

Viel Spass beim lesen und wie immer freue ich mich über Anmerkungen!

…another world is possible!!!

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