An dem wahrscheinlich einzigen Feiertag der auf die Geschichte von Anarchist*innen und deren Vorurteilsbasierender Inhaftierung zurück geht, habe ich, als Anhänger der anarchistischen Idee von Hierarchiefreiheit, an diesem Tag stets ein gesteigertes Bedürfnis mich entsprechend dieser Tradition zu verhalten. Wobei im Rahmen eines gesetzlichen Feiertages eher der Symbolcharakter zählt, denn wie alle Anarchist*innen versuche auch ich die Utopie in der täglichen Praxis Realität werden zu lassen.

Andere haben, entsprechend dieser Tradition in Leipzig symbolisch Häuser besetzt (schaut mal unter #leipzigbesetzen dort findet ihr die PM dazu) und versuchen dadurch auf verschiedene Probleme aufmerksam zu machen, wieder andere trauen sich mutig auf die Straße und demonstrieren, trotz der teilweise sehr strengen Regelungen zur Versammlungsfreiheit. Für mich stellte sich natürlich auch die Frage was tun, an diesem Tag?

In den letzten Tagen ist im Zusammenhang mit der Offenen Kinder- und Jugendarbeit und der Jugendhilfe in Sachsen einiges thematisiert worden. Ich habe bereits auf meiner Facebookseite sowie auch bei Twitter einige Gedanken dazu geäußert. Vorgestern teilte ich dort die Erläuterungen zur Ablehnung des Antrages für den durch Die Linke beantragten „Coronavirus-Schutzschirm für Einrichtungen und Dienste der Kinder- und Jugendhilfe“! Heute Morgen schaute ich mir noch einmal den Videomitschnitt des Landtages in Sachsen zum Antrag der Partei Die Linke (Drucksache 7/2144) an, um zu erfahren was denn die einzelnen Begründungen so beinhalteten und wie sich die Politiker*innen, welche auch meinen Facebookbeitrag kommentierten, konkret geäußert haben. Daraus folgt nun mein kleiner Beitrag zum heutigen 1. Mai, welcher einen kleinen Einblick in das Dilemma liefert und praktisch nahtlos an meine vorherigen Beiträge zur Systemrelevanz und zur Ersetzbarkeit Sozialer Arbeit anschließt. Gleichzeitig schaffe ich mit dem Beitrag etwas was ich schon lange vor hatte, nämlich die Perspektive der sächsischen Politik und Trägerlandschaft auf die Jugendarbeit zu hinterfragen, here we go!

Viele fragen sich was denn eigentlich das Problem ist und worum es bei der Forderung nach Unterstützung bzw. bei einem solchen Schutzschirm gehen könnte. Warum Kinder- und Jugendarbeit wichtig ist möchte ich ungern in diesem Beitrag noch einmal ausführen, dazu findet ihr ausreichend Informationen in anderen Beiträgen von mir. Vielleicht lässt sich das Ganze aus Perspektive der Jugendlichen so beschreiben, das sie aufgrund der Schließung von Häusern der Jugendarbeit, Spielplätzen, Skateparks, aller möglichen anderen öffentlichen Plätze und schlussendlich auch der Schulschließungen irgendwie daheim oder in Einsamkeit gefangen sind, ja wir haben eine enorme Digitalisierung hinter und vor uns und Jugendliche treffen sich im digitalen Raum, doch lässt sich dadurch nicht das reale Leben und die Wirklichkeit ersetzen die schlussendlich dazu führt das sie sich zu selbst und eigenständigen Menschen entwickeln und gerade die Offene Kinder- und Jugendarbeit und die emanzipatorische Jugendarbeit ist dabei ihr Begleiter. Das verlorene Jahr, welches nun in der Adoleszenzphase der Jugendlichen fehlt, werden sie nicht wieder bekommen, denn ihre Entwicklung läuft auch ohne dieses Jahr weiter!

Anna Gorskih (Die Linke) stellt in ihrem Abschlussplädoyer zu ihrem Antrag noch einmal deutlich heraus wo das Dilemma tatsächlich verborgen liegt, denn im Bereich der Jugendarbeit mit einem emanzipatorischen Anspruch ist eine weitere Kürzung nahezu unmöglich da es derartige Angebote kaum noch gibt. Die lobenden Worte von Alexander Dierks (CDU), Henning Homann (SPD) oder Petra Köpping (SPD) was alles in diesem Bereich bereits erreicht wurde oder der Verweis von Kathleen Kuhfuß (Bündnis90Grüne) auf eine gute Jugendhilfelandschaft in Sachsen wird zurecht noch einmal kritisiert und ich kann diesen lobenden Worten ebenfalls nicht mal annähernd oder Ansatzweise folgen.

Wenn gleich ich tatsächlich bei einer intensiven Beschäftigung mit dem Antrag der Ablehnung aus Politiker*innenperspektive folgen kann. Aus der Perspektive des Sozialarbeiters kann ich dies nicht, denn der Antrag versucht grundsätzliche Problemlagen anzusprechen die auch schon ohne die Corona Pandemie in Sachsen tiefe Gräben ziehen, allerdings wirft der Antrag verschiedenste Themen zusammen, indem z.B. nicht berücksichtigt wird das es große und kleine Träger gibt. Kleine Träger die sich ausschließlich im Feld der Jugendarbeit, Streetwork und polit. Bildungsarbeit bewegen und große Träger die zusätzlich noch Kita’s, Unterbringungseinrichtungen, Schulsozialarbeit, Hilfen zur Erziehung und, und, und zur Verfügung stellen. Warum es dort einen signifikanten Unterschied gibt, könnt ihr in meinem Beitrag „Wie Soziale Arbeit sich selbst ersetzbar macht!“ vom 06.04.2020 nachlesen. Eines zeigt die Debatte sehr deutlich das nach wie vor ein etwas verschobenes Bild von der Jugendarbeit existiert und die Schulsozialarbeit alles richten soll und der Heilsbringer zur Bewältigung aller möglichen Problemlagen für junge Menschen sein soll (Redebeitrag von Alexander Dierks und Henning Homann). Das von mir im Beitrag vom 06.04.2020 dargelegte Dilemma, des tief im System verankerten Problems wird bei dem Beitrag von Petra Köpping sichtbar indem sie auf ein Treffen mit den „großen Freien Trägern“ verweist in welchem alles abgeklärt werden soll. Was abgeklärt wurde könnt ihr in der Verordnung nachlesen welche nun am 04.05.2020 in Kraft treten wird.

Es zieht sich durch die Redebeiträge und damit auch durch die Beschlussfassung, dass das Lobby Problem in der Trägerlandschaft der Jugendhilfe und Jugendarbeit sehr, sehr tief sitzt. Ein großer Träger kann selbstverständlich etliche Hilfen beantragen, ein großer Träger kann Mitarbeiter*innen innerhalb eines Unternehmens schieben, die Sozialarbeiter*innen die bisher keinen Kontakt mit Jugendlichen (damit meine ich Jugendliche ab 14 bis 27 Jahre) hatten, machen jetzt ein paar Onlineangebote im Bastelbereich oder bauen sich endlich mal ein Instagramprofil und können so ihre Arbeit gegenüber dem Jugendamt rechtfertigen. Denn dies legt von Landkreis zu Landkreis das SodEG anders aus. Sozialarbeiter*innen sollen plötzlich Wochenberichte schreiben was sie so machen, dabei frage ich mich ernsthaft warum spielt das jetzt plötzlich eine Rolle wenn es vorher legitim war Jugendhäuser 16 Uhr zu schließen und Bastelangebote und Hausaufgabenhilfe für Kinder BIS 14 Jahre als Jugendarbeit zu legitimieren und dies als Jugendarbeit zu verkaufen.

Im letzten Jahr konnte ich gemeinsam mit Studierenden im Rahmen eines Forschungsprojektes (dazu folgt nach Veröffentlichung ein extra Artikel, comming soon) im Landkreis Leipzig, Region Grimma realisieren bei welchem wir feststellten das sich nur etwa 10% der Jugendlichen in organisierten Vereinen (dazu zählten Sportvereine) und Verbänden wie Feuerwehr, THW, Pfadfinder, Kirche, etc. (die ich jetzt mal zu den großen Freien Trägern und der Lobby zählen würde) aufhalten. 67% der befragten Jugendlichen verbringen ihre Freizeit im öffentlichen Raum und insgesamt 35% in selbstverwalteten (von Jugendarbeit weitestgehend unbegleitet) Räumen. Mit Blick auf diese Zahlen ist zum einen fraglich wo die Soziale Arbeit und Jugendarbeit sonst so ist, die jetzt plötzlich Wochenberichte schreibt und zusätzlich ist fraglich ob die Gelder der konstruierten Rettungsschirme tatsächlich bei den Jugendlichen und den vereinzelten Angeboten die mit den 67% und den 35% arbeiten, ankommen. Gemeinsam mit dem Kinder- und Jugendring im Landkreis Leipzig haben vereinzelte Initiativen und Vereine zu Beginn der Ausgangssperre am 02.04.2020 versucht Ordnungsämter und Polizeibehörden zu sensibilisieren beim Umgang mit den Jugendlichen (meint hier die 67% die ihre Freizeit hauptsächlich im öffentlichen Raum verbringen). In diesem Schreiben hieß es: „Wir möchten Sie bitten, bei Kontrollen oder im Kontakt mit den oben genannten Zielgruppen (dies waren Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund im öffentlichen Raum) sensibel und der Situation angemessen vorzugehen sowie auf Angebote zu verweisen, die versuchen, in diesen Zeiten Unterstützung zu leisten.“ Eine Antwort dazu gab es von den Ordnungsbehörden nicht, allerdings meldete sich das Jugendamt (an die das Schreiben gar nicht adressiert war) und drohte dem KJR Landkreis Leipzig mit der Kürzung von Fördermitteln. Begründet damit, das eine solche Sensibilisierung angeblich außerhalb des Zuständigkeitsbereiches des KJR liegt. Der KJR bündelt unterm Strich alle kleinen Vereine, die mit den 67% der Jugendlichen im öffentlichen Raum teilweise ehrenamtlich oder freiberuflich arbeiten, und die Jugendlichen die in selbstverwalteten Jugendeinrichtungen (die 35%) aktiv sind. Damit ist stark in Frage zu stellen ob das Jugendamt weiß was der KJR macht oder was Jugendarbeit macht, aber zu dieser Debatte wurde 2019 im Kontext mit der Anerkennung des FJZ e.V. und dem Projekt „Dorf der Jugend“ unter #saveyourhinterland schon viel geschrieben.

Sichtbar wird dadurch ein vollkommen verschobenes Bild von Jugendarbeit und genau deshalb ist der Antrag der Partei DIE Linke richtig gewesen, auch wenn er, nachvollziehbar, abgelehnt wurde. Was bleibt ist die erneute Erkenntnis das absolut unklar ist was Jugendarbeit ist und das keinerlei Verständnis für die Jugendarbeit vorhanden ist, obwohl es (auch von Landesverbänden und Trägern) suggeriert wird.

Vielleicht hilft es die offenen Fragen die bleiben am konkreten Beispiel fest zu machen, welches in der Begründung zu dem 10 Punkte Plan und dem Antrag ebenfalls angerissen wird, hat wahrscheinlich aber niemand gelesen, leider, denn es wäre wichtig gewesen.

Viele kleinere Vereine decken ihre Eigenmittel für Projekte aus dem Zweckbetrieb des Vereins in welchem die Ehrenamtlichen oder Jugendlichen selbstorganisiert aktiv sind. Diese Gelder im Zweckbetrieb kommen zusammen indem sie Workshops für andere Vereine geben und diese dann finanziert werden, indem sie Auftragsarbeiten im, z.B., Graffitibereich mit Workshops verbinden und dann Gelder dafür erhalten. Indem sie Konzerte veranstalten oder Kaffee und Kuchen verkaufen oder Spendenaktionen auf Stadtfesten oder sonstigen Events durchführen. All das wird es 2020 nicht geben und damit bleibt vollkommen offen wo diese Gelder die für kleine Vereine überlebenswichtig sind herkommen sollen. Gehe ich auf unseren Trägerverein, bedeutet dies im konkreten Fall, das nach Streichung aller geplanten Ausgaben, für Veranstaltungsraumausbau, Sanierung, Konzerte, Festivals und andere Angebote oder die Streichung von Lohnnebenkosten und die Aufgabe meiner schon aus Spenden finanzierten 20h Stelle für den Verein immer noch 30.000 EUR auf dem Papier stehen, deren Income vollkommen unklar ist. Um dies kurz zu relativieren, dies ist eine normale Differenz die jedes Jahr um diese Jahreszeit auf dem Papier steht und du weißt aber das du noch den Sommer mit vielen Veranstaltungen vor dir hast die das wieder decken. Dies bleibt aus und damit ist die Sorge die in diesem Antrag angesprochen wird eine absolut berechtigte und alle bisherigen Angebote geben darauf keine Antwort, denn es sind nicht die Fördermittel die ausbleiben, es sind die Spenden die ausbleiben und der komplette Zusammenbruch des sonst ehrenamtlich gestalteten Zweckbetriebes des Vereins. Bei uns sind es 30.000 EUR bei anderen, größeren selbstorganisierten Vereinen 100.000 EUR oder mehr! Das vom Freistaat Sachsen geschnürrte Paket zur Unterstützung von Vereinen deckt mit Perspektive auf die Jugendlichen in der Region Grimma 10% der Jugendlichen ab, was ist mit den anderen 90%? Sind die egal?

Kurzum ab Montag den 04.05.2020 dürfen Einrichtungen wieder öffnen, jedoch nur wenn sie ein genehmigtes Hygienekonzept vorlegen. Schauen wir mal wie diese Konzepte aussehen und vor allem wann diese genehmigt werden! Die AGJF Sachsen hat gemeinsam mit dem KJRS ein Infoblatt heraus gebracht auf welchem ihr alle wichtigen Info’s für eure Arbeit finden könnt und dafür, euch beiden, schon mal Danke für die schnelle Zuarbeit!

Zum Abschluss bleibt die Erkenntnis das auch diese Debatte im sächsischen Landtag an den Bedürfnissen und Interessen von Jugendlichen vorbei ging, das die Sozialwirtschaftslobby sich ihre Gelder sichert und nach wie vor nicht verstanden hat was Jugendarbeit bedeutet und vor allem was Jugendarbeit erreichen will und soll und was deren Kernaufgabe ist. Somit ist auch diese Debatte eine wiederholte Bestätigung für eine Emanzipation der Jugendarbeit von der Sozialen Arbeit und der zwischen den Kompromissen der Lobbyverbänden (man* nennt sie sonst Wohlfahrtsverbände) untergehenden Interessen der Jugendlichen und der Jugendarbeit!

Somit möchte ich am 1. Mai dann doch auch einmal die Internationale bemühen und daraus zitiere:
„Lasst uns unsere Schmiede selbst in die Luft jagen“
(Original: „Soufflons nous-mêmes notre forge“)

Was dies im Kontext Sozialer Arbeit ausdrücken soll obliegt eurer Fantasie, denn deren Macht ist grenzenlos! Für mich bedeutet es das System des Sozialstaates und das Dienstleistungsverständnis der Träger der Sozialen Arbeit von Grund auf zu hinterfragen und die eingeschliffenen Abhängigkeiten zu durchbrechen!

…another world is possible!!!

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1 Kommentar

  1. Lieber Tobias.
    Deinen Ausführungen ist nicht mehr viel hinzuzufügen. Spätestens mit dem herannahenden „Geschäftsjahr“ 2021 wird sich wohl zeigen, welche Folgeschäden der politische Umgang mit der „Pandemie“ auf unser Sozialsystem in Bezug auf echt gelebte und echt gewollte (und finanziell dannunabsehbar gekürzte) offene Kinder- und Jugendarbeit und die emanzipatorische Jugendarbeit mit sich bringt.
    Hab Dank für das umfassende Info-Paket.
    Solidarische Grüße
    Stefan Kosiek (COME IN Grimma)

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